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Auf den Spuren der Industriekultur an Rhein, Ruhr und Wupper

SNS-Jahresfahrt vom 25. – 29. September 2013

Der Start am Mittwoch begann gar nicht so verheißungsvoll: wegen Notarzteinsatz an der Alten Freiheit gab es Störungen bei der U 3 und der Bus kam wegen Stau auf dem Mittleren Ring mit Verspätung. Aber dann hatten wir bis zur Mittagspause vor Frankfurt erst mal freie Fahrt. Verzögerungen gab es dann nochmal auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Köln, aber unseren ersten Halt Düsseldorf erreichten wir dann doch gegen 16.30 Uhr.

Restaurant im Rheinturm Düsseldorf

Unser Ziel war der Fernsehturm (offizieller Name Rheinturm), direkt am Rhein gelegen und mit bester Übersicht auf den Düsseldorfer Medienhafen und die Altstadt. Er wurde 1979-82 nach den Plänen des Architekten Harald Deilmann als erster komplett aus Stahlbeton gefertigter Turm erbaut, ist 240,5 m hoch und verfügt über eine Aussichtsplattform in 164 m Höhe. Der Düsseldorfer Rheinhafen, der in den 70er Jahren seine Funktion als Industriestandort weitgehend verloren hatte, wurde als Standort für kommunikative und kreative Branchen ausgebaut, wobei teilweise neue futuristisch gestaltete Gebäude von international bekannten Architekten errichtet, zum anderen vorhandene Bauwerke der neuen Nutzung angepasst wurden.

Der alte Schlossturm in Düsseldorf

Auf der Düsseldorfer Rheinpromenade und ggf. mit einem Schlenker durch die Altstadt gingen wir individuell bis zum Schlossturm, der als einziger Teil des im 16. Jhdt. errichteten Schlosses erhalten geblieben ist. Dort trafen wir uns wieder und suchten unseren Bus, der auf uns wartete und uns in unser Hotel nach Essen brachte.

Das Ruhrgebiet war bis in die Mitte des 19. Jhdt. eine landwirtschaftlich geprägte Region. Zwar war der Hellweg, dessen Verlauf der heutigen A4 (Ruhrschnellweg) entspricht, schon im Mittelalter eine wichtige Heer- und Handelsstraße, aber erst mit der Gründung des Deutschen Zollvereins, der Erfindung der Dampfmaschine und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes setzte der rasante wirtschaftliche Aufstieg ein. Die Bevölkerung stieg von 1850 bis 1925 von 400.000 auf 3,8 Mio. Einwohner (jetzt 5,2 Mio.), 1900 förderten 170 Zechen rund 6 Mio. Tonnen Kohle und 1950 waren es 143 Zechen, die 100 Mio. Tonnen Kohle förderten.

Hochofen als Industriekultur

Die Produktion von Kohle und Stahl deckte den Rüstungsbedarf in den Weltkriegen und ermöglichte den Wiederaufbau in den 50er-Jahren. Ab 1958 setzte durch Öffnung der Kohle-Märkte und andere Energieträger wie Erdöl und Erdgas die Montankrise ein, der durch internationale Konkurrenz die Stahlkrise folgte. Zechen und Hüttenstandorte wurden damit überflüssig – stillgelegt, abgerissen, verkauft oder zu Denkmälern. Wir waren 3 Tage auf den Spuren des Strukturwandels im Ruhrgebiet unterwegs.

Die Jahrhunderthalle in Bochum

Programmpunkt auf den Spuren der Industriekultur waren am Donnerstag Westpark und Jahrhunderthalle in Bochum. 1842 wurde auf dem Gelände des heutigen Westparks eine Gussstahlfabrik errichtet, in der u. a. die Olympiaglocke für Berlin und die Weltfriedensglocke für Hiroshima gegossen wurden. Die bei der Produktion von Eisen und Stahl anfallende Schlacke wurde vor Ort in mehreren Schichten zu bis zu 20 m hohen Hochplateaus gestapelt, auf denen wiederum Fabrikhallen errichtet wurden. 1902 wurde zur Industrieausstellung in Düsseldorf die sogenannte Jahrhunderthalle konstruiert und anschließend als Gaskraftzentrale des Stahlwerks aufgebaut. Nach der Stilllegung des Stahlwerks wurden das Gelände zum Naherholungsgebiet und die Jahrhunderthalle zum Veranstaltungs- und Festspielhaus der Ruhrtriennale umgestaltet.

Deutsches Bergbaumuseum Bochum

Das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum, das wir als nächste Station besuchten, ist das weltgrößte Fachmuseum zum Thema Bergbau. Ein ca. 20 m tiefes Anschauungsbergwerk, durch das wir kompetent geführt wurden, vermittelt eine Vorstellung von der Entwicklung des Kohlebergbaus im Ruhrgebiet und der schweren Arbeit der Kumpel unter Tage. Der von der Dortmunder Zeche Germania umgesetzte 71,5 m hohe Förderturm ist Wahrzeichen von Museum und Stadt und ermöglicht eine eindrucksvolle Rundumsicht.

Bügeleisenhaus in Hattingen

Eine andere Seite des Ruhrgebiets lernten wir bei unserer anschließenden Fahrt nach Hattingen kennen. Die Stadt liegt am südlichen Rand des Ruhrgebiets und hat durch liebevolle Restauration von ca. 150 Fachwerkhäusern seinen mittelalterlichen Altstadtkern weitgehend bewahren können. Bereits 990 erstmals erwähnt, war Hattingen seit dem 17. Jhdt. Textilstadt, seit 1854 durch Gründung der Henrichshütte Stahlstandort. Die Hütte wurde 1987 geschlossen und ist jetzt Industriemuseum. Wir machten eine Altstadtführung und fuhren auf dem Rückweg über Kettwig und Essen-Werden, vorbei am Baldeney-See und der bereits 796 gegründeten Benediktinerabtei zu unserem Hotel in Essen zurück. Und so grün und hügelig wie die niederbergische Landschaft auf dieser Strecke hatte sich kaum jemand das Ruhrgebiet vorgestellt.

Duisburger Innenhafen

Duisburg, nach Dortmund und Essen drittgrößte Stadt des Ruhrgebiets, haben wir am Freitag besucht. Wenn auch gerade diese Stadt vom Niedergang von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet stark betroffen ist (1993 wurden die Hüttenwerke Rheinhausen, 2008 das Bergwerk Duisburg- Walsum geschlossen), so ist die Stadt noch immer größter Stahlstandort Europas und besitzt den größten Binnenhafen der Welt. Eindrucksvoll war unser Rundgang durch den Landschaftspark Duisburg-Nord. Seit 1903 wurden in dem Thyssen-Hüttenwerk im 24 Stunden- Takt 37 Millionen Tonnen Roheisen und 2.500 verschiedene Stahlsorten hergestellt.

1985 wurde das Werk stillgelegt und eine riesige Industriebrache entstand. Imposant ist die heute erreichte Mischung von Erinnerung an die Nutzung durch die Schwerindustrie, die sich dort heute entfaltende Vegetation (wer den Ausdruck noch nicht gehört hat: postindustrielle Spontanvegetation) und ihre jetzige Bestimmung als Sport-, Freizeit- und Kulturstandort mit Klettergarten des Alpenvereins, Tauchbecken, Open- Air-Kino und mit abendlicher Beleuchtung.

Schifffahrt auf dem Rhein bei Duisburg

Einen Strukturwandel hat auch der Duisburger Innenhafen vollzogen, in dem sich in ehemaligen Speichergebäuden ein Museum, das nordrhein-westfälische Landesarchiv, Verwaltungen, Gastronomie und Wohnungen etabliert haben. Bei einem kurzen Spaziergang konnten wir einen Eindruck davon gewinnen, bevor wir bei einer Schiffsrundfahrt durch den Duisburger Binnenhafen eine Vorstellung von dessen Ausdehnung und auf der anderen Rheinseite einen Blick auf die niederrheinische Landschaft bekommen haben.

Blick vom Gasometer in Oberhausen

Wahrzeichen der Umwandlung von industrieller zu kultureller Nutzung ist der Gasometer in Oberhausen. Der 1929 für die Eisenhütte Oberhausen zur Speicherung des Hochofengases errichtete Gasometer, 117,5 m hoch, mit einem Durchmesser von 68 m und 350.000 m³ Fassungsvermögen, war das größte Gebäude seiner Art in Europa. 1994 wurde die Ausstellung „200 Jahre Ruhrgebiet“ darin eröffnet, seitdem hat er sich als außergewöhnliches Ausstellungsgebäude etabliert. Außergewöhnlich war auch die Christo- Ausstellung „Big Air Package“, die wir dort besuchten. Unsere Führer verloren jedoch vor lauter Begeisterung etwas das Zeitgefühl, sodass uns für den weiten Blick vom Dach des Gasometers in die Umgebung und für das Raumgefühl innerhalb der Skulptur nur wenig Zeit blieb.

Neben dem Gasometer hat sich „Centr0“, Europas größter Einkaufs-, Freizeit- und Vergnügungspark auf dem Gelände des ehemaligen Thyssen-Hütten- und Walzwerkes auf einer Fläche von 70.000 m² niedergelassen. Auf dem Rückweg konnten wir vom Bus aus noch den Tetraeder in Bottrop betrachten, der als 50 m hohe Stahlpyramide mit drei Aussichtsplattformen auf einer Halde errichtet wurde und eines der Wahrzeichen des neuen Ruhrgebiets ist.

 Zeche Zollverein - Auffahrt zum Ruhr-Museum

Die Zeche Zollverein, Weltkulturerbe seit 2001, haben wir am Samstag besucht. Die Zechengebäude wurden von 1928- 32 von den Architekten Schupp und Kremer im Bauhausstil als Beispiel moderner Industriearchitektur errichtet und die Zeche galt damals als modernste Schachtanlage der Welt und größte Europas. Aus bis zu 640 m Tiefe wurden pro Tag über 12.000 t Kohle gefördert. Nach der Stilllegung 1986 wurde die Anlage deshalb unter Denkmalschutz gestellt und zusammen mit der 1993 stillgelegten Kokerei als „repräsentatives Beispiel für die Entwicklung der Schwerindustrie in Europa“ 2001 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.

Bei fachkundigen Führungen wurden uns nicht nur Informationen über die Geschichte des Bergwerks und seine beispielhafte Architektur, sondern auch über die Tätigkeit und das Leben der Bergleute vermittelt. Weitere interessante Informationen erhielten wir auch im Ruhr-Museum, das in der ehemaligen Kohlenwäsche neu eingerichtet worden ist.

Marktplatz auf der Margarethenhöhe in Essen

Am Nachmittag fuhren wir in den Süden Essens und hatten eine Führung durch die Siedlung Margarethenhöhe, eine der größten und schönsten Siedlungen des Ruhrgebiets. Margarethe Krupp hat 1906 anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Berta mit Gustav von Bohlen und Halbach eine Stiftung zum Zwecke „der Wohnungsfürsorge für die minderbemittelten Klassen“ mit 1 Mio. Mark sowie einem Gelände von 50 ha eingerichtet. Auf diesem Gelände wurde zwischen 1910 und 1931 von dem Architekten Georg Metzendorf die Siedlung als geschlossene Kleinstadt für 16.000 Menschen geplant und errichtet – bis in die Wohnungseinrichtung, die beispielhaft in einer Musterwohnung noch besichtigt werden kann. Im Unterschied zu anderen Krupp-Siedlungen stand sie auch für Nicht-Kruppianer offen, wobei der den Marktplatz der Siedlung beherrschende Krupp-Konsum nur den Krupp-Bediensteten offen stand.

Haus auf der Margarethenhöhe Essen

Das war der letzte Besichtigungspunkt im Ruhrgebiet und nach all dem konnten wir verschmerzen, dass das Krupp-Domizil Villa Hügel wegen verschiedener Veranstaltungen in der Woche für Besuche nicht offen stand. Am Abend hatte man uns im Lokal „Hahnenkorb“ ein schönes „Ruhrpott-Buffet“ aufgebaut, das mit manchen Unzulänglichkeiten an den Abenden vorher versöhnte.

Historische Stadthalle Wuppertal

Sonntag früh starteten wir in Essen für die Rückfahrt nach München. Aber unser nächstes Ziel war nur 50 km weiter und in der Entwicklung der Industriekultur 50 Jahre früher. Die Region des Wuppertals, bestehend aus den Städten Barmen und Elberfeld, war neben dem Raum Leipzig die Kernzelle der deutschen Frühindustrialisierung und Mitte des 19. Jhdt. eines der größten Wirtschaftszentren Deutschlands. Schwerpunkt war die Textilindustrie; das Wuppertal war einer der bedeutendsten Textilstandorte der Welt.

Die Städte Barmen und Elberfeld, die erst 1929 zur Stadt Wuppertal vereinigt wurden, hatten zusammen im Jahr 1880 bereits 200.000 Einwohner und lagen damit auf Platz 6 der deutschen Großstädte. Die Villen der reichen Fabrikanten und die Häuser der Arbeiterwohnungen am Wuppertaler „Ölberg“ sahen wir bei der Stadtrundfahrt und in der Historischen Stadthalle in Elberfeld präsentierte sich der Reichtum des Bürgertums vor dem 1. Weltkrieg.

Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn

Letztes Erlebnis auf unserer Fahrt auf den Spuren der Industriekultur war eine Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn. Die enge Besiedlung des Wuppertals stellte bereits früh die Frage nach einer Verkehrslösung, und so wurde schon 1826 ein erster Versuch mit einer Hängebahn unternommen.

Wegen der geologischen Beschaffenheit und der Enge des Tals kam eine U-Bahn nicht in Frage und so erhielt schließlich 1880 der Kölner Ingenieur Eugen Langen den Zuschlag zur Errichtung einer Einschienen-Schwebebahn. Die Schwebebahn wurde 1901 in Betrieb genommen, verbindet auf einer Länge von 13,3 km die Stadtteile Vohwinkel und Oberbarmen und ist nicht nur technisches Denkmal, sondern auch heute noch Rückgrat des Wuppertaler Verkehrsnetzes.

Haltestelle Werther Brücke Wuppertal

Wir fuhren von der Endstation Vohwinkel auf der sogenannten „Landstrecke“ über der Kaiserstaße, auf der gerade der ehemals längste Flohmarkt der Welt stattfand, und dann weiter über der Wupper zum traditionell sanierten Bahnhof Werther Brücke. Mittagessen gingen wir dann ins Brauhaus, ein ehemaliges Jugendstil-Hallenbad, das einer neuen zeitgemäßen Bestimmung zugeführt worden ist. Danach brachte uns unser Busfahrer Werner Richter gut und sicher wie alle Tage vorher nach München zurück.
Bericht Manfred Kleeberger – Fotos Gisela Glass